Hannover ist eine Industriestadt, auch wenn man das zwischen Maschsee und Innenstadt manchmal vergisst. In Stöcken bauen seit 1956 Menschen den Bulli und heute hängen dort über 11.000 Arbeitsplätze an einer Entscheidung, die in Wolfsburg getroffen wird. Oder in Salzburg. Wir beobachten die Entwicklung des Standorts schon lange. Und wir sind sicher: Eine Schließung wäre wirtschaftlich falsch.

Fangen wir mit dem Vertrag an. Im Dezember 2024 haben Volkswagen und die IG Metall einen Zukunftstarifvertrag geschlossen. Er schließt betriebsbedingte Kündigungen und Werksschließungen bis Ende 2030 aus, und er enthält eine Vertragsstrafe von einer Milliarde Euro, falls keine Anschlussregelung getroffen wird. Das steht so im Vertrag, schwarz auf weiß. Verträge werden geschlossen, um sie einzuhalten. Daran muss sich Volkswagen messen lassen.

Und dann das Werk selbst. In Stöcken stecken Milliardeninvestitionen aus den letzten Jahren, allein 2,3 Milliarden Euro flossen über die Komponentensparte in die Elektrifizierung der deutschen Werke. Das Werk ist auf bis zu 150.000 Fahrzeuge im Jahr ausgelegt. Der ID. Buzz legte 2025 weltweit um 102 Prozent zu, der Multivan um 31 Prozent und ab 2027 läuft hier das erste vollautonome Serienfahrzeug Europas an. Ein solches Werk mit den modernsten Fahrzeugen des Konzerns zu schließen hieße, frisch investiertes Kapital zu vernichten und eine wachsende Modellpalette aufzugeben. Das ist das Gegenteil von solider Unternehmensführung.

Das Kostenargument aus dem Konzern klingt erst einmal nachvollziehbar: Ein Werk, das nicht vollständig läuft, verteilt seine Fixkosten auf zu wenige Fahrzeuge, und der Preis pro Stück steigt. Das stimmt sogar. Nur liegt das nicht am Standort, sondern an der Auslastung. Auslastungsprobleme werden allerdings nicht am Band in Stöcken produziert, sondern in der Konzernzentrale in Wolfsburg. Volkswagen betreibt über dreißig Werke in China und entwickelt dort neue Modelle. Ministerpräsident Lies hat zu Recht vorgeschlagen, diese Fahrzeuge in unseren eigenen Hallen zu bauen, statt sie zu importieren oder die Konkurrenz produzieren zu lassen.

Aus alledem ergeben sich klare Forderungen:

  1. Vertrag halten. 

Der Aufsichtsrat bestätigt am 9. Juli den Zukunftstarifvertrag von 2024. Keine Schließung, keine betriebsbedingten Kündigungen.

  1. Werk auslasten. 

Die in China entwickelten VW-Modelle und mögliche Kooperationsfahrzeuge werden in Stöcken gefertigt, nicht importiert. Auslastung senkt die Stückkosten und löst genau das Problem, das der Konzern beklagt.

  1. Überkapazitäten dort abbauen, wo sie entstehen.

Volkswagens Absatzrückgang von 2025 stammt aus China und den USA. In Europa ist der Konzern gewachsen, in Deutschland sogar um über fünf Prozent, und die E-Nachfrage legt zweistellig zu. Wer Kapazitäten zurückfahren muss, beginnt dort, wo der Markt wegbricht, und nicht bei einem Werk, das mit dem ID.Buzz den europäischen Markt anführt.

  1. Zukunftstechnik nach Hannover.

Stöcken wird nicht kleiner gerechnet, sondern größer gedacht: als Europas Zentrum für autonome Nutzmobilität. Dafür braucht es den vollen Hochlauf des ID Buzz. Und gemeinsam mit Region, ÜSTRA und weiteren Partnern wollen wir dafür arbeiten, Hannover zu einem frühen Erprobungs- und Einsatzort für autonome, barrierefreie und emissionsfreie Shuttles zu machen. Teil dessen kann auch eine neue Zusammenarbeit mit MOIA als Technologie- und Systemanbieter sein. Hannover war ein Ausgangspunkt der MOIA-Geschichte. Die nächste Generation autonomer Mobilität sollte deshalb ebenfalls in Hannover erprobt werden. Ergänzend braucht es ein Kompetenzzentrum für Software-Updates, Umbauten und digitale Fahrzeugdienste sowie einen starken Standort für Circularity im Nutzfahrzeugbereich — Batterierecycling, Remanufacturing und Second-Life inklusive. Das ist die Perspektive: gute Arbeit sichern, das Werk auslasten und Hannover zum Zukunftsort der Nutzfahrzeugindustrie machen.

  1. Die Stadt kauft, wo Hannover baut. 

Ein Werk lebt von Aufträgen. Die kann eine Stadt mitliefern. Hannover und seine kommunalen Betriebe sollen künftig im Rahmen der geltenden Vergaberegeln noch stärker vorangehen und ihre Fahrzeuge dort beschaffen, wo sie gebaut werden. Also vor allem Bullis und Multivans aus Stöcken. Bei den autonomen Shuttles, die ab 2027 hier vom Band laufen, soll Hannover erster Kunde für den eigenen Nahverkehr werden. Wer ein Werk erhalten will, nutzt am besten selbst, was dort entsteht.

  1. Zulieferer absichern. 

In Niedersachsen hängen rund 250.000 Arbeitsplätze an der Autoindustrie, etwa 700 Betriebe beliefern VW. Um die müssen wir kämpfen. Ein Auftakt sollte ein gemeinsamer Industriegipfel mit Land, Region, Betriebsrat und IG Metall sein, um dieses Netzwerk, einschließlich Continental hier am Ort, wirksam zu schützen.

  1. Wer heute schon geht, soll in Hannover bleiben. 

Auch ohne Schließung verlieren Menschen ihre Stelle, bei Volkswagen über die Altersteilzeit, bei den Zulieferern oft härter. Mein Ziel als künftiger Oberbürgermeister ist, dass diese Fachkräfte der Stadt nicht verloren gehen, sondern in Hannover weiterarbeiten. Denn wir haben keinen Mangel an Arbeit, wir haben einen Mangel an Fachkräften. Wer als Mechatronikerin oder Industriemechaniker einen Zulieferer verlässt, wird von enercity, der ÜSTRA oder dem Handwerk gesucht. Wir wollen eine Fachkräftebrücke weiter entwickeln, die Stadt, Region, Arbeitsagentur, IG Metall und die aufnehmenden Betriebe zusammenbringt und Menschen von Arbeit in Arbeit begleitet.

Und ich sage offen, wo unsere Zuständigkeit liegt und wo nicht. Ein Oberbürgermeister entscheidet nicht über die Modellpolitik eines Weltkonzerns. Aber wir können hier dazu beitragen, dass diese Stadt einer der attraktivsten Industriestandorte Deutschlands bleibt - mit einem Oberbürgermeister, der sich kümmert. Mit einer zentralen Anlaufstelle für die Wirtschaft, die Genehmigungen bündelt und beschleunigt. Mit verlässlichen Flächen rund um das Werksgelände. Mit einer Verwaltung, die Tempo macht, statt zu bremsen. Eine Stadt, die bei Energie, Verkehrsanbindung und Qualifizierung ein Partner ist und kein Hindernis. Wenn ein Standort günstiger werden soll, dann ist das zuvorderst Aufgabe des Konzerns, aber hilfsweise eben auch eine Aufgabe der Kommune. Und dieser Aufgabe stellen wir uns.

Die Ziele dieses Positionspapiers finden auch beim Betriebsratsvorsitzenden von Volkswagen Nutzfahrzeuge, Stavros Christidis, Zustimmung. Dass der Standort Hannover mit seiner Nutzfahrzeugkompetenz den Bulli auch in Zukunft fertigt, steht für ihn außer Frage. Das Werk feiert 70jähriges Jubiläum und auch das nächste Jubiläum wird gemeinsam gefeiert: mit der nächsten Generation stolzer Bulli-Bauer. 

Unser Wort an die Beschäftigten und an Volkswagen: wir werden als Oberbürgermeister und im Betrieb für Stöcken die besten Rahmenbedingungen schaffen, die eine Stadt bieten kann. Dieser Standort ist für Hannover und die Region zu wichtig, um ihn aufzugeben. Die Beschäftigten dieses Werks haben uns an ihrer Seite. Egal, ob sie in der Region leben, in Vahrenwald oder in Stöcken. Wir wissen, dass eine Stadt dauerhaft nur dann sozial sein kann, wenn sie wirtschaftlich erfolgreich ist. Dafür packen wir an.